Wann hat das "Normal" das "Besondere" ersetzt?

Wann hat das "Normal" das "Besondere" ersetzt?

Ich lese in letzter Zeit vieles über privates Gastgeben. Vermutlich weil es mir wichtig ist und ich diesbezüglich sehr aufmerksam bin. Und ich bemerke dass auch beim Gastgeben der Trend des „Das-muss-doch-nicht-sein“ nicht halt macht. Das private Gastgeben wird als Umstand dargestellt, der zeitaufwändig ist und bei dem es sich um Regeln handelt, die einzuhalten man nicht gewillt ist. Pizza für Freunde bestellen reicht angeblich aus, um sich als Gastgeber zu gerieren. Selbsternannte Spezialisten der Bewirtung von Gästen zu Hause erklären in Interviews, dass es ausreicht eine Schüssel Pasta auf den Tisch zu stellen und dass keinerlei Aufwand notwendig ist, wenn man Gäste erwartet. Ganz nach dem Motto „meine Welt, meine Regeln“.

Ich aber sage: Das stimmt nicht! Und ich möchte ihnen erläutern weshalb.

Die um sich greifende Durchschnittlichkeit macht nicht vor unserer Wohnungstür halt und hat auf alle unsere Lebensbereiche Einfluss. Klar ist es möglich sich in Ikea- oder Lutzchic auszustatten und es als „gemütlich“ bezeichnen. H&M, Zara und andere entwerfen Kleidung mit der man nie fehl gekleidet ist. Wenn man Musik hören möchte, kann man einfach Spotify abspielen und  muss nicht unbedingt eine besondere Platte auflegen, und es ist natürlich möglich dass man sich Zuhause nicht viel antut und mit Freunden eine angelieferte Pizza verzehrt. So wie das eine nichts mit dem Resultat einer bewussten ästhetischen Auseinandersetzung  zu tun hat, so hat letzteres auch nichts mit Gastgebertum zu tun.

Dinge wie Design, Musikalität, Geschmack aber auch gesellschaftliche Gepflogenheiten muss man erlernen und leben, damit sie für jemanden an Bedeutung gewinnen. Dazu fehlt heute heute den meisten das Interesse und vermeintlich die Zeit. Dank des fortschreitenden Individualismus herrscht die Tendenz, sich eine eigene Welt zu kreieren und sich bei vielen Themen wichtig zu machen ohne viel Ahnung zu haben. Jeder verhält sich wie es ihm passt, jeder ist alles, nichts muss sein.

Mach was Du willst - es lebe deine Freiheit - den Preis zahlen andere.

Als ich das erste mal vom „neuen Biedermeier“ hörte, dachte ich an Rückzug ins Private, mehr Wertigkeit am Familienleben, an Bücherlesen oder auch an ein gemeinsames Musizieren. Ich habe aber erkannt, dass das neue Biedermeier in einem 15 cm mal 7 cm grossen Display stattfindet, in dem man in Vogelperspektive sein Leben gestaltet und den Großteil seiner Zeit verlebt. Alleine - mit viel Missverständnissen, Sprachlosigkeit und Einsamkeit. Ich bin überzeugt, dass wir uns durch die vielen individuell gezimmerten Welten und folglich eigenen, nicht abgestimmten Sichtweisen nicht mehr verstehen - wir sprechen nicht mehr die selbe Sprache - vieles wirkt befremdlich, uns fehlt die Orientierung in diesem Labyrinth der Meinungen. 

Ich mag Regeln, denn sie geben mir neben Orientierung auch Sicherheit im Sein und im Umgang mit der Gesellschaft. Ich empfinde es als anstrengend, wenn schlecht angezogene Leute zu kulturellen Veranstaltungen gehen, ich trinke nicht gerne billigen Prosecco, nur weil es zum Anstoßen reicht. Ich ziehe schönes Geschirr vor,  obwohl natürlich Teller und Gläser aus dem Kaufhaus genauso ihren Zweck erfüllen, wie Kobaltblau und Saint-Louis.

Denn all diese „es muss ja nicht sein“-Szenarien machen das Leben nicht besser - sie machen unser Leben eben nur beliebiger und austauschbarer.

Durch die häufige Bemerkung, das etwas funktioniert, auch ohne die gängige Regeln zu beachten, wird diesen Regel ihr Sinn genommen und stellen so wird das Tun all jener in Frage gestellt, die sie kennen und gerne befolgen.

Das Gastgeben nimmt hier eine ganz besondere Stellung ein, denn wir sollten uns einig sein, was Gastgeben bedeutet. Meiner Empfindung nach hat Gastgeben immer eine offizielle Komponente. Nur Freunde bei Tisch zu haben, den Nachbarn auf einen Teller Nudeln einzuladen, oder mal mit einer Kiste Bier ein Fußballmach schauen, mag eine nette Zusammenkunft sein, es hat aber mit Gastgeben nichts zu tun. Gastgeben beginnt, wenn Ihre Schwiegereltern, Ihr Vorgesetzter oder die Galeristin, mit der Sie gerne über ein Projekt reden möchten, bei Tisch sind - und ich wette, spätestens jetzt ist die Pizza vom Lieferdienst kein Thema mehr.

Gastgeben ist etwas Besonderes, und hat eine wichtige gesellschaftliche Relevanz. Nämlich Menschen an einen Tisch zu vereinen - unsere Kultur des Zusammensein zu pflegen - Gäste auch ausserhalb unseres Freundeskreises in unsere private Welt zu lassen, Grosszügigkeit zu zeigen und Gespräche zu führen: Das alles umfasst die Gastgeberschaft und die sollte man beherrschen.

Um einen besonderen Abend zu gestalten, darf man sich ruhig mehr Mühe geben als im Alltag. Sowohl von Gastgeberseite, als auch von Gastnehmerseite. Jeder hat zu dem Abend beizutragen. Der Gastgeber hat die Obliegenheit den geeigneten Rahmen zu schaffen, für das Wohl seiner Gäste zu sorgen, und souverän durch den Abend zu führen, damit Gespräche am köcheln gehalten werden aber nicht überkochen. Von Gästen wünschen wir uns dass Sie pünktlich sind, sich an Gesprächen beteiligen, ihre Unverträglichkeiten hinten anstellen und uns nicht über ihre neuesten Diäten und ihren Familienklatsch informieren.

Einen Abend für Gäste zu gestalten und ihn als Gast mitzuerleben ist etwas ganz Besonderes - etwas das sich von „normal“ unterscheidet - lassen Sie sich das nicht nehmen!

derMarkus

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