Am Anfang war der Gast!

Am Anfang war der Gast!

Wien! Du, mein geliebtes Wien – die Stadt der Fiaker und der Mannerschnitten, Heimat des Steffls und des Riesenrads. Du, die Stadt, die es beherrscht, mit Raffinesse und Witz auch aus nix noch etwas zu machen. Wien, die Stadt, die es versteht, mit Charme und Dankbarkeit über vieles hinwegzusehen. Wien – Du, die Stadt, die einst bedeutend in Architektur, Mode, Kunst und Kulinarik war und sich damit abgefunden hat, es nicht mehr zu sein. Ach du Wien, die Stadt der grantigen Ober, die Stadt des Wiener Schmähs, der oft am Rand der Geschmacklosigkeit kratzt. Wien, die Du mit deiner Sprache und Deinen Ansichten oft unverstanden bleibst.

Du weißt über deine Eigenschaften sehr gut Bescheid – Du hast gelernt, sie zu Deinem Nutzen einzusetzen und bist bei Gästen, nicht nur durch deine Vergangenheit, sondern auch wegen Deinen Eigenheiten bekannt.

Eigenheiten, die Dich zu dem machen, was Du eben bist!

Zu wissen, wer Du bist, ist schon wichtig, nur stolz darauf solltest Du nicht sein. Denn der Stolz hüllt Dich in einen dichten Nebel, der Dich unnahbar macht und eine unüberwindbare Grenze zwischen Dir und dem „Fremden“ zieht.

Es gab Zeiten, da waren Wiener bekannt für ihre Gastfreundschaft und wurden weltweit in der Hotellerie und auf Schiffen angeworben. Diese Lorbeeren sind schon lange vertrocknet und zurzeit schaffen wir es nicht einmal mehr, im eigenen Land gute Gastgeber zu sein.

Die toxische Beziehung zwischen dem Gast und dem Gastgeber in der Gastronomie ist nicht zu übersehen – wenn wir sie noch als Beziehung erkennen wollen und nicht – ganz  kapitalistisch  von einem Kundenverhältnis sprechen. Aber vielleicht liegt genau darin das Schnitzel-Kaiserschmarrn-Dilemma, wenn der Gastgeber gar keinen Gast empfangen will, sondern ihm lediglich sein Geld aus der Tasche ziehen möchte.

Es  ist höchste Zeit, an uns – als Gastgeber – zu arbeiten und uns als solche zu begreifen und nicht als Geschäftsleute.

Wir müssen lernen, Gäste wieder gerne zu empfangen und müssen wieder verstehen, wie das Verhältnis zwischen einem Gast und einem Gastgeber zu funktionieren hat. Denn beide Seiten haben Pflichten – auch der Gast.

Es obliegt uns als Gastgeber Regeln aufzustellen. Wir dürfen Zielgruppen definieren und auch wählen, wen wir zu Gast in unserem Haus begrüßen wollen. Es ist uns erlaubt, gewisse kulturelle Gepflogenheiten und auch gesellschaftliche Regeln einzufordern, denn das gehört genauso zur Beziehungspflege und würde unsere Rolle als Gastgeber klarer erkennbar machen.

Gastgeben ist eine kulturelle Eigenschaft, die gerade uns Wienern zu eigen ist. Gastgeben erlernt man zu Hause, und es kann in Folge auch professionell kultivieren werden. Erkennen wir wieder, dass wir gerne Gäste bei uns haben und dass wir mit ihnen auf Augenhöhe zu kommunizieren haben. Es würde uns guttun, aufmerksamer und großzügiger zu sein. Vergessens wir die alten Mustern der Vergangenheit, die ganz andere Voraussetzungen hatte, als wir sie heute vorfinden.

Denn Gastlichkeit ist kein Produkt, sie ist eine Dienstleistung. Das ist ein anderer Zugang als im Handel – wir „verkaufen“  Emotionen und Erlebnissen – das ist unsere Ware.

Wir benötigen Visionen und Mut, um ein Angebot fernab von Klischees zu erarbeiten, um als zeitgemäß UND wienerisch wahrgenommen zu werden. Dann werden wir auch wieder erfolgreich sein als Gastgeber und nicht nur als Geschäftstreibende.

derMarkus

 

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