Deine Oma kann nicht kochen!

Als Gastgeber gibt es nicht vieles, was mich aus der Ruhe bringt, und wenn ich zu Gast bin, noch viel weniger. Ab und an begegne ich jedoch Phänomenen, bei denen ich ins Staunen gerate. Da wäre zum Beispiel die von Kindern gefertigten Porträts ihrer Eltern, die diese dann freiwillig am Kühlschrank anheften. Oder auch der sitzengebliebene Rührkuchen zum Kaffee mit dem Zusatz „Das ist das Rezept von meiner Oma“!

Die wenigsten Kinder werden Picassos und die wenigsten Omas waren Köchinnen.

Zugegeben, die These ist gewagt und ganz sicher nicht freundlich – aber treffend!

Jedes Mal, wenn ich den Satz höre „Bei der Oma hat’s am besten geschmeckt“, krampft es mich, denn die danach aufgelisteten Speisen haben rein gar nichts mit Kochen zu tun. Auch in der gehobenen Gastronomie ist mir noch nie passiert, dass einer bei Tisch meinte „Das schmeckt wie bei meiner Oma“.

Wo kommt also diese Annahme her, dass gerade Omas kochen können oder konnten?!

Im Grunde ist es eine nostalgische Einbildung. Man verbindet dabei einzelne Speisen und nicht eine Küche an sich mit dieser „Omanostalgie“, da es auch immer dieselben Gerichte waren, die man im Umfeld der Großeltern kredenzt bekommen hat. Mit einem Film am Sonntagnachmittag nach dem Essen, einem Ausflug in den Prater oder Kirschenessen am eigenen Baum im Garten rundet sich die Erinnerung an ein lieb gewonnenes Ritual ab.

Und diese Nostalgie macht sich auch die Werbung gerne zunutze, wenn die Märchenoma, die wir alle gerne gehabt hätten, sich mit dem Nudelwalker über den Mürbteig hermacht, um Kekse auszustechen, oder ein Glas Marmelade nach Omas Rezept angepriesen wird. Noch schlimmer ist es, wenn man uns glauben machen möchte, dass die Nonna unserer südlichen Nachbarn das Sugo stundenlang am Herd selbst gerührt hat. Wer gibt denn da schon gerne zu, dass sich das in der eigenen Familie nicht so zugetragen hat?

Wir unterliegen da einem klassischen Klischee, das uns die Sicht auf eine zeitgemäße, moderne Küche vernebelt.

Ich habe Glück! Meine Großmütter konnten beide nicht kochen – die eine gehörte jener Generation an, die sich nach dem Krieg weniger darum gekümmert hat, wie man etwas kochen könnte, sondern vielmehr darum, was es überhaupt zum Kochen gab. Die andere war sich schlicht zu fein, um einen Kochlöffel in die Hand zu nehmen - dafür gab es ja Personal.

Kochen war damals gar nicht en vogue. Zusätzlich wurde Kochen durch die Industrialisierung in den 70ern sehr vereinfacht. Durch das Aufkommen von Fertigprodukten sollte die Hausfrau entlastet werde. Kochen und Ernährungslehre wurde immer mehr als überflüssig angesehen, dem man wenig Zeit widmen wollte. Ich denke, da hat die „Omanostalgie“ angefangen – denn Rezepte aus alten Kochbüchern schmecken wahrhaftig anders als die aufkommende schnelle Küche. 

Kochen ist in erster Linie Handwerk und Können, das in vielen Jahren der Ausbildung von Lehrern und Meistern der Kochkunst an ihre Schüler weitergegeben wird. Die Zunft der Köche entwickelt ihre Küche kontinuierlich über Generationen hinweg weiter und passt sie ihrer jeweiligen Zeit an. In der Küche geht es so wie in vielen anderen Kunstrichtungen häufig um den Einsatz neuer Arbeitstechniken und die Hinzunahme neuer Zutaten sowie dem Kreieren eines modernen Geschmacks. Kochen steht somit immer zwischen den Traditionen, dem Althergebrachten und der Zukunft, was den Geschmack von Generationen prägen wird.

Die Hingabe, Eigenes zu kreieren, Neues auszuprobieren und die Entwicklung eines eigenen Geschmacks – das sind Kriterien, die einen Koch ausmachen. Wenn Sie diese Fähigkeiten an sich selbst oder an anderen erkennen, werden Sie mir zustimmen, dass es bei der Oma vielleicht ganz gut geschmeckt hat und idyllisch war – sie aber vom Kochen keine Ahnung hatte.

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