Du bist, was Du isst...
...sagt „Sie“ erwartungsvoll während sie den Duft der prallen, tiefroten Bio-Erdbeere aus regionalem Anbau einsaugt und sie dann genüsslich in den Mund schiebt.
Ja, wir sind ganz schön darauf trainiert, uns damit zu identifizieren was wir essen. Am besten soll es biologisch und natürlich gewachsen sein, ohne Dünger und Pestizide oder Verunreinigungen, die uns schaden könnten. Und fair gehandelt sollte die Sache auch noch sein - damit wäre der unbedenkliche Verzehr gewährleistet.
Ich werde dabei die Metapher nicht los, dass „Sie“ sich mit der Erdbeere identifiziert und sich wünscht, dass jemand an ihr so genussvoll schnuppern würde, wie Sie gerade an der prallen Erdbeere. Bei der Vorstellung bekommt Feuerbachs Satz „Du bist, was Du isst“, eine ganz andere Bedeutung.
Und so abwegig ist der Gedanke nicht - viele Merkmale wie knackig, saftig, frisch aber auch knusprig oder zart suggerieren positive Eigenschaften, mit denen wir uns auch körperlich identifizieren wollen. Wir wollen frische straffe Haut, einen knackigen Hintern oder zarte Handgelenke.
Wir meinen, oder man lässt uns meinen, dass wir durch die Aufnahme bestimmter Produkte deren Eigenschaften übernehmen - den getrockneten Linsen, dem Bohnensalat, oder auch den Erdäpfeln trauen wir diese Metamorphose nicht zu.
Wenn man es ganz objektiv betrachtet, funktioniert die Metamorphose leider nie. Der Begriff „frisch“ nimmt aber Einfluss auf unsere Kaufentscheidung – was wir kritisch überdenkenden sollten. Denn mit dem Versprechen, dass wir uns mit Frischem etwas Gutes tun, werden das ganze Jahr über Produkte angeboten, die bei uns regional nicht vorkommen. Zum Beispiel Ananas, Bananen, Kiwis, Mangos und Avocados – vielfach unreif geerntet, damit sie den langen Transport überstehen.
Aber leider kommt auch Gemüse und Obst, welches regional angebaut wird, außerhalb der Saison von weit her, wie verschiedene Beerensorten, Zucchini, Paradeiser, Zuckerschoten, grüne Bohnen und dergleichen mehr.
Im Jahr 2026 empfinde ich es als inflationär, dass es ständig das gleiche Frischeangebot gibt. Man freut sich nicht mehr auf Früchte, die es nur zu einer bestimmten Zeit gibt, sondern erwartet stets dieselbe Auswahl an frischem Obst und Gemüse vorzufinden.
In der Jahreszeit, in der nichts von den regionalen Feldern kommt, kann einiges durch Tiefkühlware und Trockenprodukte kompensiert werden, die qualitativ um nichts nachstehen – allerdings ökologisch viel sinnvoller sind als das weit Hergeholte.
Uns fehlt hier eine gewisse Balance und ein entsprechendes Wissen. Natürlich möchte ich nicht auf Zitronen, Orangen und Bananen verzichten, doch gerne würde ich mehr Augenmerk auf saisonal verfügbare Lebensmittel sehen als eine Überfülle in den Regalen, von denen fast die Hälfte vernichtet wird.
Dafür braucht man ein dementsprechendes saisonales Angebot von Seiten der Supermärkte und regionalen Marktbetreibern wie auch von Seiten der Gastronomie, die nach wie vor Ideengeber für die private Küche ist.
Kochen und das Kreieren von Gerichten ist viel spannender und abwechslungsreicher wenn wir nicht ständig dasselbe vor Augen haben und uns zur gegeben Zeit mit dem beschäftigen was gerade verfügbar ist. Sei es Rollgerste, Linsen oder eigelegtes Gemüse im Winter, oder Äpfel, Zwetschken, Wallnüsse und Kastanien im Herbst. Dann machen auch wieder Rhabarber, Erdbeeren und frischer Spinat im Frühjahr Freude.
derMarkus
4 Kommentare
Kann ich alles unterschreiben, was du hier schreibst! Ein vernünftiger, bewusster Zugang zum Essen und zur Küche!
… verschiedene Geschmäcker von selbst gezogenem Gemüse & Obst Schöpfungskraft pur – jedes Jahr anders jedes Jahr neu die wunderbarsten herrlichsten Köstlichkeiten … daneben ein Gartensessel ein gutes Buch etwas Geduld & Fürsorge belohnt die Gärtnerseele …
Deshal esse ich nichts “Fettes” hahaha
Du hast vollkommen recht. Wir berauben uns eines großen Vergnügens:Vorfreude,Abwechslung von Natur aus!